«Es ist ein sensationelles Gefühl»

Franco Giovanoli

Franco Giovanoli, Direktor der Ski-WM 2017, gewährt uns ein Jahr vor dem Grossanlass einen Blick hinter die Kulissen. Er ist ein Snowboarder der ersten Stunde. Nun organisiert er als Direktor die alpinen Ski-Weltmeisterschaften in seinem Heimatdorf St. Moritz, die vom 6. bis 19. Februar 2017 stattfinden. Wir haben 364 Tage vor dem Start mit Franco Giovanoli gesprochen.

Franco Giovanoli, heute in einem Jahr sind die Ski-Weltmeisterschaften 2017 bereits gestartet. Wie gut hast Du letzte Nacht geschlafen?

Gut wie immer. Aber es ist schon ein Bisschen speziell heute. Zum ersten Mal fehlen nur noch Tage statt Jahre bis zur WM, da geht man schon mit einem anderen Bewusstsein an die Arbeit. Ich fühle ein gewisses Kribbeln.

Wie viele Leute arbeiten schon mit Dir im OK?

Rund 25, ein Drittel davon Teilzeit. Wir brauchen diese Grösse, weil wir mit dem Weltcup-Finale im März die WM-Hauptprobe zu bewältigen haben. Sie ist ein guter Test für uns alle.

Du bist ursprünglich ein Snowboarder und hast jahrelang bei Swiss-Ski den Snowboardbereich als Disziplinenchef geleitet. Ein Snowboarder organisiert also eine Ski-WM, kannst Du das mit Deinem Gewissen vereinbaren?

Ja, sehr gut sogar. Skifahren ist genau wie Snowboarden Schneesport. Zudem liegt mir als gebürtiger St. Moritzer sehr daran, etwas für die Region zu tun und unsere vielfältigen Wintersportmöglichkeiten in die Welt hinauszutragen.

 

Stehen bei Dir heute Snowboards oder auch Skis im Keller?

Ich bin auf Skiern gross geworden und hab dann in den 80-igern ins Snowboard-Lager gewechselt. Heute fühl ich mich auf einem sowie auf zwei Brettern sehr wohl.

 

Punkto Grossanlässe ist die Sache klar: Fünf Ski-WMs stehen keiner Snowboard-WM gegenüber. Das Engadin hat zwar bereits zu Beginn Snowboard-Stars wie Michi Albin und Reto Lamm hervorgebracht, zu Titelkämpfen kam es aber nie. 

Das stimmt nicht ganz. 1987 hat in St. Moritz eine inoffizielle Snowboard-WM stattgefunden, die erste auf europäischem Boden. Inoffiziell war sie nur, weil es den Dachverband noch nicht gab. Heute engagiert sich unser Nachbarberg Corvatsch im Freestyle-Bereich. Wer weiss, vielleicht entsteht daraus bald eine offizielle Snowboard-WM.

 

Vielleicht wird das ja auch Dein nächster Job?

Wer weiss! (lacht)

 

St. Moritz hat so viele Ski-WMs wie kein anderer Ort ausgetragen. Woran liegt das?

St. Moritz ist geschichtlich gesehen die Wiege des Wintersports, das hilft natürlich. Die Olympischen Winterspiele 1928 und 1948 haben St. Moritz weltweit als Wintersportort bekannt gemacht. Und die Ski-WMs von 1974 und 2003 haben unsere Schneesportkompetenz wieder in Erinnerung gerufen. Deshalb ist es wichtig, dass wir auch in Zukunft regelmässig solche Grossanlässe austragen.

 

Was hat bei der FIS den Ausschlag gegeben für die erneute WM-Vergabe nach St. Moritz?

Wir hatten ein sehr gutes Konzept. Und wir wussten, dass es funktioniert. Schliesslich liegen unsere letzten erfolgreichen Weltmeisterschaften nur 14 Jahre zurück. Die jährlichen Weltcuprennen haben unsere Glaubwürdigkeit als WM-Austräger zusätzlich gestärkt. Trotzdem haben wir drei Anläufe gebraucht, um den Zuschlag zu erhalten. Das ist ja immer auch eine politische Sache.

 

Mit Dir hat St. Moritz nach Gian Gilli, der vom Langlauf kam, erneut einen einheimischen „Quereinsteiger“ als Direktor einer Ski-WM. Ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?  

Sicher kein Nachteil. Wichtig ist, dass man vom Schneesport kommt und die nötigen Kontakte mitbringt. Ich kannte die Leute bei Swiss-Ski und der FIS bereits vor meinem Stellenantritt sehr gut und bin mit den Mechanismen im Ski-Business vertraut.

 

Was für ein Gefühl ist es, als St. Moritzer eine Ski-WM in St. Moritz zu organisieren?

Ein sensationelles Gefühl. Meine Aufgabe ehrt mich. Umgekehrt ist sie mit einer grossen Verantwortung verbunden. Ich will das Bestmögliche für St. Moritz und das Engadin herausholen.  

 

Die Ski-WM 2003 wurde rundum gelobt. Einzig die Stimmung am Anfang war etwas verhalten. Was macht das OK, damit das 2017 nicht passiert?

Die Stimmung zu beeinflussen ist nicht so einfach. Letztlich hängt das auch vom Abschneiden der Schweizer ab. Und vom Wetter. Die Ski-WM 2003 hat zwar verhalten angefangen, die Stimmung war dafür nach den ersten paar Tagen umso ausgelassener. Das ist bei Grossanlässen oft so. Nichtsdestotrotz werden wir mit einer super Eröffnungsfeier versuchen, den Funken schon vom ersten Tag an überspringen zu lassen.  

 

Welches Erbe hat die Ski-WM 2003 hinterlassen?

Die damalige Infrastruktur war für uns eine sehr gute Basis. Nach den neusten Anpassungen und Erweiterungen am Berg sind wir hervorragend vorbereitet. Davon werden in Zukunft die jährlichen Skiweltcuprennen und auch die ganz normalen Skifahrer profitieren. Ansonsten haben die damaligen Wettkämpfe vor allem fantastische Erinnerungen hinterlassen. Ich treffe immer wieder Leute, die noch davon schwärmen. Ich hoffe das wird man von der Ski-WM 2017 in zehn Jahren auch mal sagen können.

 

Kann eine Ski-WM das Image einer Destination wie St. Moritz verändern?

Ich denke ja. In St. Moritz gibt es nichts, was es nicht gibt. Aber während einer WM steht zwei Wochen nur der Schneesport im Zentrum. Und durch das starke Medieninteresse mit ca. 1'700 Medienschaffenden vor Ort können wir davon ausgehen, dass die Welt das mitbekommt. Diese Wirkung ist nicht zu unterschätzen.

 

2003 waren die freiwilligen Helfer, die sogenannten Voluntaris, die heimlichen Sieger der WM. Wird das 2017 auch so sein?

Ich glaube fest daran. Die Voluntaris sind das Herzstück der Veranstaltung. Man trifft sie überall: auf der Strasse, im Zielgelände, auf den Pisten, an den Zeremonien. Sie sind damit unsere Visitenkarte. Und ich zweifle keinen Moment daran, dass sie auch 2017 die Herzen der Leute erobern werden.

 

Die Herren starten in der Schweiz bereits in Wengen und Adelboden. Beides sind Klassiker, die nicht aus dem Rennkalender wegzudenken sind. Deshalb legen wir unser Augenmerk auch in Zukunft auf die Damenrennen. Dort ist St. Moritz selbst zum Klassiker geworden.

Können sich Interessierte noch melden?

Auf alle Fälle, wir brauchen noch in allen Bereichen Voluntaris. Unter www.voluntari.ch findet man alle Informationen zur Anmeldung und zu den Einsatzgebieten. Am Schluss müssen wir 1'300 Voluntaris rekrutiert haben.

 

Mit was ködert Ihr potentielle Helfer?

Ich kann nur sagen: Bei einem solchen Anlass als Helfer dabei zu sein, ist ein Riesenerlebnis. Natürlich kriegt man auch einen tollen Skianzug. Aber das Wichtigste sind die Erfahrungen und die Freundschaften, die entstehen. Alle helfen sich gegenseitig und die Voluntaris werden im Laufe des Events zu einer grossen Familie. Dieses Gefühl ist unbezahlbar.  

 

Die Ski-WM 2017 steht unter dem Motto „Live the future“. Was meint Ihr damit?

Ja, zum einen ist ein solcher Grossanlass immer ein Katalysator für Innovationen. Wir können viele neue Sachen ausprobieren, die wir nach der WM weiterziehen können. Beispielsweise kann unser Akkreditierungssystem auf die anderen Engadiner Events ausgeweitet werden. Oder auch Massnahmen im Energiebereich werden zukunftsweisend für das Engadin sein. Zum anderen wollen wir den Jungen im Tal Perspektiven aufzeigen. Deshalb haben wir ein Jugend-OK gegründet, das die WM mitorganisiert. Die Jungen sollen Freude für die Organisation solcher Events entwickeln – damit es in St. Moritz nicht bei fünf Ski-WMs bleibt.

 

Auf was dürfen sich die Zuschauer 2017 besonders freuen?

Auf Vieles! Beispielsweise kann man bei uns im Zielraum die Rennen praktisch von oben bis unten verfolgen, das gibt es sonst fast nirgendwo. Dann werden wir auf dem Olympia-Gelände im Kulm Park einen neuen Zeremonienplatz haben, wo auch abends Konzerte stattfinden werden. Die St. Moritzer Fussgängerzone wird sehr belebt sein und mit den Nationenhäusern zum gesellschaftlichen Zentrum der Ski-WM werden. Wir werden übrigens versuchen, letztere möglichst für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Damit die Fans zusammen mit den Medaillengewinnern feiern können.

 

2003 ist DJ Bobo an der Eröffnungsfeier aufgetreten. Wen dürfen wir nächstes Jahr erwarten?

Es ist noch nicht entschieden, ob wieder ein Musiker auftritt. Wir werden in den nächsten Monaten alle Möglichkeiten evaluieren.

 

In St. Moritz ist der Zielraum knapp 200 Höhenmeter oberhalb des Dorfes. Ist das ein Problem?

Nein, aber für die Logistik ist es sicher eine Herausforderung, weil wir die Zuschauer nach Salastrains hochbringen müssen. Dafür haben wir eine sehr spezielle Stimmung im Zielraum, mitten in den Bergen und im Skigebiet.

 

Gibt es noch Unterkünfte für die Besucher oder ist schon alles ausgebucht?

Ja klar, es gibt noch freie Unterkünfte und es wird auch für Kurzentschlossene bis unmittelbar vor der WM welche geben. Engadin St. Moritz ist eine grosse Destination mit entsprechenden Kapazitäten.

 

Was bedeutet eine Heim-WM für die Schweizer Athleten?

Eine Heim-WM ist immer etwas sehr Spezielles für die Athleten. Sie merken, dass um sie rum mehr los ist als sonst. Das Medieninteresse ist gross. Entsprechend fokussieren die meisten ihre Planung schon jetzt auf den Februar 2017. Die Möglichkeit, zu Hause eine WM-Medaille zu gewinnen, bietet sich einem Athleten höchstens einmal im Leben.

 

Und allgemein für den Schweizer Skirennsport?

Es ist nicht nur die WM von St. Moritz, es ist auch die WM von Swiss Ski und der Schweiz. Entsprechend ist eine solche Veranstaltung ein Schaufenster für die ganze Nation.

 

Mit der WM kommen auch Herrenrennen wieder ins Engadin. Wieso finden in St. Moritz nicht regelmässig Skiweltcuprennen der Herren statt?

Die Herren starten in der Schweiz bereits in Wengen und Adelboden. Beides sind Klassiker, die nicht aus dem Rennkalender wegzudenken sind. Deshalb legen wir unser Augenmerk auch in Zukunft auf die Damenrennen. Dort ist St. Moritz selbst zum Klassiker geworden.  

 

Dann kommt der spektakuläre Abfahrtsstart der Herren, der sogenannte freie Fall, nur ca. alle 15 bis 20 Jahre zum Zug, wenn in St. Moritz wieder mal eine WM stattfindet?

Ja das ist so. Einerseits ist das schade, andererseits wird er so schnell zum Mythos. Es gibt nicht viele Rennfahrer, die von sich behaupten können, hier einmal runtergefahren zu sein. Und das wird auch in Zukunft so bleiben.

 

Nehmen die Athleten den freien Fall auch technisch als etwas Spezielles wahr oder geht’s nur um die Show?  

Die Abfahrer stürzen sich bei 100% Gefälle den Abhang hinunter und erreichen innerhalb weniger Sekunden 140 km/h. Man hat dabei wirklich das Gefühl, ins Leere zu fallen. Jeder Rennfahrer muss sich hier voll konzentrieren.  

 

Wie viele Medaillen gewinnen die Schweizer an der WM?

Wir haben bei den Damen Athletinnen, die in jeder Disziplin ganz nach vorne fahren können. Und wenn bei den Herren alle Verletzten zurück sind, werden wir eine sehr gute Truppe zusammen haben. Ausserdem erwarte ich die eine oder andere Überraschung unserer jungen Athleten. Deshalb liegt für mich in jedem Rennen eine Schweizer Medaille drin.

 

Was macht Franco Giovanoli am 20. Februar 2017?

Zuerst feiern und nachher lange ausschlafen. (lacht)

 

 

Interview: Fabrizio D'Aloisio

Franco Giovanoli
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